Zinssätze im Bereich Mikrofinanz

Haushalte mit niedrigem Einkommen stehen bereits zu normalen Zeiten vor großen Herausforderungen, um ihren täglichen Bedarf zu decken. Die im Zuge der Covid-19-Pandemie in den meisten Entwicklungs- und Schwellenländern erlassenen Reglementierungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens haben dieses strukturelle Problem nochmals verschärft.

Mikrofinanz ist ein leistungsfähiges Instrument, um Armut sowie geschlechtsspezifische Ungleichheiten zu verringern und die Lebensbedingungen zu verbessern, indem Kredit-, Spar-, Zahlungs1- und Mikroversicherungsoptionen bereitgestellt werden. Mit Hilfe von Mikrokrediten können einkommensgenerierende Aktivitäten aufgenommen und notwendige soziale Ausgaben finanziert werden. Können die betroffenen Menschen keine Kredite bei Mikrofinanzinstituten aufnehmen, müssen sie sich Kapital bei privaten lokalen Geldleihern beschaffen – in der Regel zu Wucherzinsen, die weit über den Zinsen von Mikrokrediten liegen.

In diesem Kontext werden hohe Zinssätze der Mikrofinanzinstitute (MFIs) gegenüber den Endkreditnehmer:innen immer wieder diskutiert.

Wie entstehen die Zinssätze im Bereich Mikrofinanz?

Bei dieser Frage gilt es mehrere Aspekte zu beachten: Zinssätze in den Ländern, in denen der IIV Mikrofinanzfonds investiert ist, sind nicht mit dem Zinsniveau in Europa zu vergleichen. Durch höhere Inflationsraten, schwankende Währungen und einen weniger gut entwickelten lokalen Finanzmarkt ist das gesamte Zinsgefüge (Kredit- wie auch Einlagenzinsen) in vielen Ländern erheblich höher als zum Beispiel in der Eurozone.

Zudem ist Mikrofinanz ein sehr kleinteiliges und dadurch kostenintensives Geschäftsmodell. Mikrokreditnehmer:innen sind häufig nicht in der Lage ihre wirtschaftliche Aktivität formell nachzuweisen. Dennoch müssen die MFIs die Kreditwürdigkeit ihrer Kund:innen prüfen. Dafür besuchen Berater:innen in der Regel ihre Kund:innen vor Ort, um die Realisierbarkeit der Darlehensrückzahlung zu prüfen. Je entlegener das Gebiet und je häufiger die notwendigen Besuche, umso höher die Betriebskosten für das MFI.

MFIs bieten verschiedene Kreditarten mit unterschiedlichen Laufzeiten an. Diese verursachen den MFIs unterschiedlich hohe Kosten. Die zuvor beschriebenen Betriebskosten (inklusive Personalkosten) bilden den Hauptteil der Kosten der MFIs. Hinzu kommt der Finanzaufwand, d.h. die auf Kundeneinlagen bezahlten Zinsen sowie die Kosten der Fremdfinanzierung. Auch Währungsabsicherungskosten spielen hier eine wichtige Rolle. Zuletzt bilden auch Rückstellungen zur Risikovorsorge einen Teil der Kosten. Dadurch werden potentielle Verluste aus problematischen Krediten gedeckt.

Diese Kosten müssen durch die Portfoliorendite gedeckt sein, die sich aus den Einnahmen durch Zinsen und Gebühren zusammensetzt. Daher wird sie auch oft als stellvertretender Wert für durchschnittliche Zinssätze herangezogen.2 Die Portfoliorendite der MFIs, die durch den IIV Mikrofinanzfonds Darlehen erhalten, lag 2020 im Durchschnitt bei rund 23,5 Prozent.3 Das sieht zunächst wie ein vergleichsweise teurer Kreditzins aus. Aufgrund der margenreichen Geschäftsmodelle, kurzen Darlehenslaufzeiten und geringen Beträgen relativiert sich diese Annahme aber. Die Begünstigten sind in den meisten Fällen in der Lage, aufgrund gesteigerter Erträge die vereinbarten Forderungen bequem zurückzuzahlen.

Quelle: Invest in Visions

Für die MFIs bleibt nach Abzug aller Kosten, wie die Betriebskosten, Rückstellungen und der Finanzaufwand der Gewinn übrig, die Kapitalrendite. Im IIV Portfolio betrug die Kapitalrendite aller MFIs 2,3 Prozent in Q3 2019. Aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie hat sich diese Kennzahl auf 1,3 Prozent in Q3 2020 reduziert und lag in Q1 2021 bei 1,99 Prozent.

Auswahl der Mikrofinanzinstitute in Bezug auf Kund:innenschutz

Bevor der IIV Mikrofinanzfonds in ein MFI investiert, stellen wir sicher, dass die den Kreditnehmer:innen angebotenen Zinssätze unter makroökonomischen und lokalen Gegebenheiten angemessen sind. Die Zahlung von marktgerechten Zinssätzen gegenüber den Kreditnehmer:innen ist Teil unserer Anlagestrategie. Dazu gehört eine umfassende Marktanalyse eines länderspezifischen marktgerechten Zinssatzes.

Als Unterzeichner der Principles for Responsible Investment (PRI) und Unterstützer der „Client Protection Principles“ stellt IIV vertraglich sicher, dass die MFIs sich an die Leitlinien einer fairen und solidarischen Kreditvergabe halten. Dazu gehört insbesondere die Einhaltung verantwortungsvoller Geschäftspraktiken gegenüber den Mitarbeiter:innen und Kreditnehmer:innen (u.a. Verhaltenskodex, Korruptionsbekämpfung, Transparenz, Nichtdiskriminierung von Mitarbeiter:innen sowie Kund:innen und Maßnahmen zur Überschuldungsprävention und für den Kund:innenschutz).

Senkung der Zinssätze im Bereich Mikrofinanz

Untersuchungen zeigen, dass sich der Betriebsaufwand der MFIs in den letzten Jahren reduziert hat. Durch die zunehmende Reife des Mikrofinanzsektors können MFIs effizienter arbeiten und somit ihre Betriebskosten senken. 4 Hauptsächliche Treiber dieser Effizienzsteigerung sind:

  • Regulierung und Marktinfrastruktur: Die staatliche Regulierung zur Schaffung eines günstigeren Geschäftsumfeld für Mikrofinanz entwickelt sich immer weiter. Als Folge verbessert sich meist auch die Marktinfrastruktur, wie beispielsweise die Etablierung von Kreditbüros. Diese sorgen für eine höhere Markttransparenz und ein geringeres Risiko für Kreditvergaben ohne Sicherheiten. Außerdem wird der Betriebsaufwand reduziert.
  • Gesunder Wettbewerb: Durch den Eintritt weiterer Akteure in den Mikrofinanzmarkt steigt der Wettbewerb in diesem Bereich. Dadurch entsteht auch mehr Druck auf die Preise für Endkreditnehmer:innen. Zudem müssen die MFIs darauf achten, dass sie weiterhin die Bedürfnisse ihrer Kund:innen erfüllen und ihr Produktangebot entsprechend anpassen.
  • Größenvorteile: Hinzu kommt, dass die MFIs selbst auch immer größer werden und sich im Mikrofinanzmarkt etablieren. Mit zunehmender Entwicklung können sie professioneller und effizienter arbeiten. Dadurch können sie ihre Fixkosten senken, indem sie diese auf eine größere Anzahl an Krediten verteilen.
  • Innovationen: Insbesondere im Rahmen der Digitalisierung können Innovationen im Bereich Mikrofinanz die Kosten der Zahlungsverarbeitung für die MFIs und die Endkreditnehmer:innen reduzieren. Dazu gehören z.B. „mobile money“ oder andere elektronische Zahlungsarten. Zusätzlich können auch Prozessinnovationen wie beispielsweise ein Kreditscoring-Modell zur Messung der Kreditfähigkeit der Endkreditnehmer:innen den Aufwand für diese Einschätzung verringern und somit Kosten reduzieren.

In den letzten Jahren lässt sich beobachten, dass sich die Portfoliorendite fast parallel zu den Betriebskosten reduziert hat. MFIs, die effizienter arbeiten, geben ihre Kostensenkungen also an ihre Kund:innen weiter. Dadurch reduzieren sich auch die Kosten für die Endkreditnehmer:innen. In diesem Sinne werden auch Finanzdienstleistungen für einkommensschwache Kund:innen zugänglicher – ein explizites Ziel von Mikrofinanz.

 

1 Dazu gehört zum Beispiel das Angebot eines Girokontos, mithilfe dessen Geldüberweisungen an Familienangehörige getätigt werden können.

2 Die durchschnittlichen Zinssätze über unser Portfolio hinweg lassen sich nur schwer berechnen.

3 Für 2020 liegen uns noch keine finalen Daten vor.

4 responsAbility. 2014. Research Insight. Effizienz als Schlüssel zu tieferen Zinsen in Mikrofinanz.

XX.07.2021

Autorin: Ariane Schoen

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