SME-Finanzierung in den Emerging Markets – Teil 2

In unserem ersten Blog zum Thema SME (Small and Medium Enterprises) haben wir uns damit beschäftigt, was eigentlich SME sind und welchen Beitrag sie zur Wertschöpfung und zur Schaffung von Arbeitsplätzen in einer Volkswirtschaft leisten. Ist ihr Potential in den Emerging Markets damit schon ausgeschöpft? Nein. Denn viele SME sind in ihrem Wachstum eingeschränkt, weil sie keinen ausreichenden Zugang zu Kapital haben. Woran das liegt, erfahren Sie in dieser Ausgabe.

SME sind Motoren für Wirtschaftswachstum und Beschäftigung. Mit einem Anteil von circa 10 Prozent an der Gesamtzahl aller Unternehmen sind SME zwar ein relativ schmales Segment in der Unternehmenslandschaft. Doch schaffen sie in den Entwicklungs- und Schwellenländern bereits jetzt zwischen 20 und 50 Prozent der privatwirtschaftlichen Arbeitsplätze. Und sie könnten noch mehr leisten – vorausgesetzt, sie erhalten einen besseren Zugang zum Kapitalmarkt.


Gerade Unternehmen im mittleren Segment zwischen Kleinst- und großen Unternehmen haben es in Schwellen- und Entwicklungsländern schwer, an Finanzmittel zu kommen. Die International Finance Corporation (IFC) hat die Finanzierungslücke für SME in den Emerging Markets in einer Studie aus dem Jahr 2017 auf rund 4,5 Billionen (also 4.500 Milliarden) US-Dollar geschätzt, was einem Anteil von 56 Prozent am benötigten Gesamtinvestitionsvolumen von 8,1 Billionen US-Dollar entspricht.1

Derselben Studie zufolge haben 44 Prozent der circa 21 Millionen formellen SME in den Emerging Markets überhaupt keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zum Kapitalmarkt. Würde man die informellen Unternehmen dazuzählen, fiele die Zahl noch weit höher aus.2

Darüber hinaus dürfte die Lücke und der Finanzierungsbedarf seit 2017 noch um Einiges angewachsen sein. Denn die Werte stammen aus der Zeit vor der COVID-19-Pandemie. Verschiedene Studien haben mittlerweile darauf hingewiesen, dass kleine Unternehmen (mit weniger als 100 Mitarbeiter:innen) stärker von der Krise betroffen sind als große Unternehmen.3

Aber weshalb haben es SME in den Emerging Markets eigentlich so schwer, an Darlehen zu kommen?

Zum einen liegt es an ihrem spezifischen Finanzierungsbedarf. Dieser ist bei kleinen und mittelständischen Unternehmen nämlich für Mikrofinanzinstitute zu groß, für kommerzielle Banken ist er zu klein. SME fallen gewissermaßen in der Mitte hindurch, weshalb sie auch als „Missing Middle“ bezeichnet werden. Zum anderen spielt die Informationsasymmetrie zwischen dem SME als Darlehensnehmer und einer Bank als Darlehensgeber eine wichtige Rolle. Denn kleine und mittlere Unternehmen in den Emerging Markets können meist nicht die von konventionellen Banken üblicherweise geforderte Dokumentation wie z.B. testierte Jahresabschlüsse vorweisen. Den konventionellen Banken wiederum fehlen die geeigneten Instrumente, mit denen sie das Risiko angemessen einschätzen könnten. Daher können sie nicht zwischen den riskanten SME und solchen unterscheiden, die es nicht sind – mit der Folge, dass kleine und mittlere Unternehmen generell als risikoreiches Segment eingestuft werden.[3] Theoretisch könnte die Bank das höhere (angenommene) Risiko mit einem höheren Darlehenszins kompensieren. Doch würde dies vor allem dazu führen, dass sich die meisten SME das Darlehen dann nicht mehr leisten können bzw. dass gerade solche Kreditnehmer:innen angezogen werden, die riskantere Projekte verfolgen.4

 

„Finding ways to finance medium-scale enterprises is the next big challenge for finance in developing countries”.

(A. Banerjee / E. Duflo, Poor Economics, S. 181)

 

Angesichts solcher Schwierigkeiten haben Abhijit Banerjee und Esther Duflo die Finanzierung von SME in den Emerging Markets als „nächste große Herausforderung“ nach der erfolgreichen Etablierung von Mikrofinanz bezeichnet.5 Die beiden Entwicklungsökonomen vom prestigereichen MIT in Boston, die für ihre innovativen Studien zur Armutsbekämpfung 2019 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurden, haben zudem nachgewiesen, dass Darlehen an SME deren Gewinn signifikant steigern und in den Emerging Markets für Wirtschaftswachstum sorgen können. In einer Studie aus dem Jahr 2014 konnten sie zeigen, dass indische SME, die aufgrund einer Ausweitung des Priority Sector Lending in den Jahren 1998 bis 2000 über staatlich verordnete Quoten an Bankdarlehen kamen, ihren Gewinn mithilfe der Kredite um bis zu 9 Prozent steigerten.6

Ähnliches hat ein Experiment zur Mesofinanzierung in Äthiopien unter Beweis gestellt: Im Rahmen des Women Entrepreneur Development Project erhielten ausgewählte Mikrofinanzinstitute durch die Weltbank Darlehen, die sie als individuelle Kredite an von Frauen geführte, wachstumsorientierte Unternehmen weiterreichten. Die Darlehen beliefen sich auf durchschnittlich 12.000 USD (äthiopische Frauen-Gruppen erhalten gewöhnlich Mikrokredite in einer Höhe von 1.000-1.500 USD). Eine dazu durchgeführte Studie konnte signifikante und positive Auswirkungen für die Wachstumschancen der Unternehmen und die Anzahl der Angestellten belegen.7

Die Finanzierung von SME kann also die Entwicklung von kleinen und mittleren Unternehmen – und damit auch das Wirtschaftswachstum ganzer Länder im globalen Süden – positiv beeinflussen. Damit stellt sich die Frage: Wie und durch welche Finanzinstitute kann trotz der genannten Schwierigkeiten mehr Finanzierung für SME in den Emerging Markets mit einem angemessenen Risiko bereitgestellt werden?

 

Dies erfahren Sie am 16. Juni in unserem nächsten SME-Blog!

 

 

SME-Finanzierung Teil 1

 

 

1 IFC (2017), MSME Finance Gap. Assessment of the Shortfalls and Opportunities in Financing Micro, Small and Medium Enterprises in Emerging Markets, World Bank Group: Washington D.C., S. 28.

2 Ebenda, S. 26.

3 Naoyuki Yoshino und Farhad Taghizadeh-Hesary (2018), A Comprehensive Method for the Credit Risk Assessment of Small and Medium-Sized Enterprises Based on Asian Data, ADBI Working Paper Nr. 907.

4 Siehe T. H. L. Beck (2007), Financing Constraints of SMEs in Developing Countries: Evidence, Determinants and Solutions.

5 Abhijit V. Banerjee / Esther Duflo, Poor Economics. Barefoot Hedge-fund Managers, DIY Doctors and the Surprising Truth about Life on Less than 1$1 a Day, Penguin: London 2012.

6 Dies. (2014), Do Firms Want to Borrow More? Testing Credit Constraints Using a Direct Lending Program, in: Review of Economic Studies 81, S. 572-607.

7 Salman Alibhai et al., Better Loans or Better Borrowers? Impact of Meso-Credit on Female-Owned Enterprises in Ethiopia, Washington DC 2018.

07.06.2021

Autor: Moritz Isenmann

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