Impact Investing und SDG 7

Eine vor kurzem veröffentlichte Studie stellt erneut unter Beweis: Es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen Elektrifizierung und Wohlstandsgewinnen. Für mehr als die Hälfte der rund 570 Millionen Menschen in Subsahara-Afrika, die bislang keinen Zugang zu Elektrizität haben, kann dieser am kostengünstigsten durch dezentrale, solarbasierte Systeme jenseits der nationalen Netze – also „off-grid“ – bereitgestellt werden. Da die öffentliche Hand die Finanzierung nicht allein bewältigen kann, muss auch privates Kapital in den Sektor fließen. Was beachtet werden muss, dass die private Finanzierung nachhaltig ist und für die Nutzer:innen nicht zu einer „social impact credit trap“ wird, erklären wir in diesem Teil unserer Reihe über den Zugang zu sauberer und erschwinglicher Energie.

Neue Evidenz für den Zusammenhang von Elektrifizierung und Wohlstandsgewinnen

Im ersten Beitrag unserer Reihe über den Zugang zu sauberer und erschwinglicher Energie haben wir uns mit der wohlstandsfördernden Wirkung von Elektrifizierung insbesondere im ländlichen Raum befasst. Vor wenigen Wochen, am 16. November 2022, ist in der Zeitschrift „Nature“ ein Aufsatz mehrerer Forscher der renommierten Stanford University erschienen, der neuartige Evidenz für diese Annahme liefert. Um den kausalen Zusammenhang zwischen Elektrifizierung und Armutsreduzierung noch sicherer zu bestimmen, haben die Wissenschaftler Satellitenbilder ausgewertet und künstliche Intelligenz genutzt. Untersucht wurde Uganda, wo die Elektrifizierungsrate von 12 Prozent im Jahr 2010 auf 41 Prozent 2019 gesteigert werden konnte. Die Wissenschaftler haben 268 ugandische Dörfer und Gemeinden analysiert, die in den Jahren 2011/12 Zugang zum staatlichen Stromnetz erhielten, und die Daten mit denen einer Kontrollgruppe von über 3.600 nicht-elektrifizierten Dörfern verglichen. Dabei konnten sie feststellen, dass die Vermögenswerte in den elektrifizierten Dörfern bis 2016 doppelt so stark anwuchsen wie in den nicht-elektrifizierten. Das Fazit: „Our results indicate that access to electrification can generate meaningful improvements in economic well-being […]”.

Die Wissenschaftler der Standford University haben sich bei ihrer Studie auf die Ausweitung des staatlichen Stromnetzes auf der Ebene ganzer Gemeinden beschränkt. Wie bereits in der letzten Ausgabe der Impulse dargelegt (siehe Teil 2), ist nach Ansicht wichtiger nationaler und internationaler Institutionen wie der Weltbank oder der Internationalen Energiebehörde IEA die Ausweitung des staatlichen Netzes für mehr als die Hälfte aller noch nicht elektrifizierten Haushalte in Subsahara-Afrika nur die zweitbeste Lösung. Effektiver und kostengünstiger ist insbesondere in weniger dicht besiedelten Gebieten der Einsatz von dezentralen Systemen wie Solar Home Systems, solarbetriebenen Einzelgeräten (Wasserpumpen, Getreidemühlen, Kühlhäuser etc.) oder Mini-grids. Auch für derartige „Off-grid“-Systeme konnten in der Vergangenheit Produktivitäts- und Wohlstandsgewinne aufgezeigt werden.

Eine Umfrage im Auftrag der Global Off-Grid Lighting Association (GOGLA) unter 2.343 Nutzer:innen in Kenia, Mozambique, Rwanda, Tansania und Uganda ergab 2018, dass knapp 60 Prozent der Nutzer:innen aufgrund des Zugangs zu Off-grid-Elektrizität wirtschaftlich aktiver sein konnten: durch den Erhalt eines neuen Arbeitsplatzes, den Einsatz der Elektrizität in einem bereits bestehenden Geschäft oder die Möglichkeit, länger am Tag arbeiten zu können. 36 Prozent der ländlichen Nutzer:innen wurden nach eigener Aussage in die Lage versetzt, ihr monatliches Einkommen um 35 US-Dollar zu steigern, was über der Hälfte des durchschnittlichen Monatseinkommens in diesen Ländern entspricht. Über 90 Prozent der Haushalte, in denen das Solarsystem gesundheitsschädliche Energiequellen wie Kerosin ersetzten, berichteten über bessere Gesundheit und ein größeres Sicherheitsgefühl. Angesichts derartiger Ergebnisse vertreten beispielsweise auch Wissenschaftler des University College London die Ansicht, dass der Zugang zu Off-grid-Elektrizität als einer der Schlüsselmechanismen für die Entwicklung des ländlichen Raums im Hinblick auf ökonomisches Wohlbefinden und die Verbesserung des Lebensstandards betrachtet werden sollte.

Access to off-grid electricity should be seen as a key mechanism for rural development to improve economic well-being and living standards.

Bei der Finanzierung der Verbreitung von Off-grid-Technologien waren von Anfang an neben staatlichen auch private Akteure involviert.

Auch in den kommenden Jahren wird der allgemeine Zugang zu Elektrizität aufgrund der begrenzten öffentlichen Finanzierungsmöglichkeiten nicht ohne die Mobilisierung von privatem Kapital möglich sein, wie beispielsweise die Weltbank festgestellt hat.Regierungen wird daher geraten, die vorhandenen öffentlichen Gelder vor allem für Maßnahmen zu verwenden, durch die zusätzliche private Finanzmittel „gehebelt“ werden können. „Blended Finance“ lautet hier das Stichwort. Sie sollen darüber hinaus in die Ausweitung des Zugangs in Gegenden investieren, die mit aller Wahrscheinlichkeit keine private Finanzierung erhalten werden, und den Zugang für diejenigen subventionieren, die ihn sich nicht leisten können.

Soziale Nachhaltigkeit: Besonderheiten des Paygo-Modells und Förderung von gewerblicher Nutzung von Energie

Impact Investing kommt folglich eine wichtige Rolle bei der Elektrifizierung Subsahara-Afrikas zu. Um die soziale Nachhaltigkeit zu gewährleisten, müssen jedoch verschiedene Aspekte bedacht werden. Die Erfahrung hat gezeigt: wenn die Bereitstellung von finanziellen oder anderen Dienstleistungen an einkommensschwache Bevölkerungsgruppen mit einer Renditeerwartung einhergeht, ist eine positive soziale Wirkung selbst bei gut durchdachten Konzepten kein Selbstläufer.

Da die direkte Anschaffung eines Solarsystems die Kaufkraft vieler ländlicher Bewohner übersteigt, haben sich am Markt sogenannte „Pay-as-you-go“-Modelle (kurz: „Paygo“) durchgesetzt. Dabei leistet der Kunde eine Anzahlung und begleicht den Rest der Kosten in Raten. Nach einer bestimmten Anzahl an Raten ist das Gerät abbezahlt und geht in den Besitz des Kunden über. Sollte die Zahlung der Rate(n) ausbleiben, wird der Zugang ferngesteuert unterbrochen und erst wieder in Betrieb genommen, wenn die Rate beglichen oder eine andere Vereinbarung getroffen ist.

Die Erschwinglichkeit von Off-grid-Solar-Produkten hat aufgrund von Covid-19 in den letzten beiden Jahren abgenommen. Einerseits ist das Einkommen vieler potenzieller Nutzer:innen gesunken und andererseits sind die Produkte aufgrund von unterbrochenen Lieferketten teurer geworden.

Damit ist auch die Gefahr gestiegen, dass sich die Konsument:innen für die Nutzung von Elekrizität verschulden. Von einer „social impact credit trap“ ist hier bisweilen die Rede.

Impact Investoren sollten mindestens drei Dinge beachten, damit ihre Investition sozial nachhaltig wirken kann:

 

Erstens sollte die gewerbliche Nutzung von Energie gefördert werden. „Productive Use of Energy (PUE)“ ist aktuell eines der meistgebrauchten Schlagwörter in der Diskussion darüber, wie Off-grid-Elektrifizierung nachhaltig gestaltet
werden kann. Elektrizität kann in unterschiedlichen wirtschaftlichen Sektoren und Branchen eingesetzt werden, wie die Graphik (siehe oben) der Lighting Global, einer Sektorinitiative der Weltbank, zeigt. Die nachhaltige Wirkung liegt auf der Hand: abgesehen von der möglichen Kostenersparnis durch das Ersetzen teurerer
Energiequellen (Diesel, Kerosin etc.) mit einer solaren Energiequelle, kann mit letzterer Einkommen generiert werden, das den Erwerb der Technik nicht zu einem finanziellen Risiko werden lässt.

 

Die zweite Voraussetzung ist – genau wie im Bereich Mikrofinanz – die Implementierung von Prozessen und die Durchsetzung von Standards, welche die Kund:innen vor Missbrauch wie beispielsweise Fehlinformationen über den
wirklichen Preis des Systems durch das Vertriebspersonal schützen. Hierzu hat GOGLA bereits einen Katalog von Kundenschutzprinzipien vorgelegt, der die sektorspezifischen Mindestanforderungen darstellt.

 

Drittens ist es wichtig, sich als Impact Investor realistische Ziele zu setzen. Wie bereits Mikrofinanz ist auch die Off-grid-Branche ursprünglich mit dem Anspruch angetreten, die „Ärmsten der Armen“ mit Dienstleistungen zu versorgen.
Für beide Bereiche muss dieser Anspruch aber gesenkt werden. Menschen, die bislang weder Erfahrung mit der Nutzung von Elektrizität noch mit finanziellen Dienstleistungen und den aus diesen erwachsenden Verpflichtungen
haben, können eine „Paygo“- Finanzierung ggf. schwer einschätzen und damit überfordert sein.10 Daher ist es wichtig, Solar Home Systems und andere Off-grid-Systeme nur an Menschen mit einer gewissen Kaufkraft zu vertreiben
bzw. die Größe des Systems an die finanziellen Möglichkeiten der Nutzer:innen anzupassen. Damit ist die gewünschte soziale Wirkung zwar nicht mehr so groß wie vielleicht erhofft, doch ist das Modell dann sozial wie finanziell nachhaltiger. Zudem ist der ökologische Nutzen, den das Ersetzen einer klimaschädlichen Energiequelle erzeugt, ungebrochen hoch.

 

Mit letzterem, nämlich dem Zusammenhang von Off-grid- Elektrifizierung und Klimaschutz, werden wir uns im nächsten Teil der Reihe etwas genauer beschäftigen.

Zugang zu erschwinglicher und nachhaltiger Energie – Teil 1

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Zugang zu erschwinglicher und nachhaltiger Energie – Teil 2

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Impact Investing und SDG 7

733 Millionen Menschen haben weltweit keinen Zugang zu Elektrizität, 568 Millionen bzw. mehr als zwei Drittel davon leben in Subsahara-Afrika. Die Menschen dort benötigen dringend eine Energieversorgung, die erschwinglich, zuverlässig und nachhaltig ist – wie es das siebte Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Nationen fordert. Aber wie kann dies erreicht werden? Für mehr als die Hälfte der Menschen in Subsahara-Afrika heißt die Lösung: „Off-grid Solar PV“.

Wie in der vorausgegangenen Ausgabe der Impulse gezeigt, mindert der fehlende Zugang zu Elektrizität die Chancen insbesondere der ländlichen Bevölkerung in Bezug auf viele Aspekte des Lebens – auf eine hochwertige Gesundheitsversorgung beispielsweise, auf Bildung und sowie eine Steigerung des Einkommens durch die Aufnahme oder die Verbesserung produktiver Tätigkeiten – beträchtlich. Zugleich führt die Kompensation durch den Betrieb von Diesel-Generatoren zu negativen Auswirkungen auf die Gesundheit und das Klima.

Das siebte Nachhaltigkeitsziel erfüllt daher eine katalytische Funktion für weitere SDGs, die über den Zugang zu Elektrizität mit befördert werden können. Wie aber kann derart vielen Menschen eine bessere – und das heißt saubere und emissionsfreie – Versorgung mit Elektrizität bereitgestellt werden?

Die Lösung des Problems setzt sich aus zwei hauptsächlichen Elementen zusammen.

Das erste ist Sonnenenergie. Von Thomas Edison wird die Aussage kolportiert: „I’d put my money on the sun. And Solar energy. What a source of power! I hope we don’t have to wait until oil and coal run out before we tackle that”. Dabei dachte Edison nicht zuletzt an die gute Verfügbarkeit von Sonnenenergie. Wie ein Bericht des Energy Sector Management Assistance Program (ESMAP) aus dem Jahr 2020 zeigt, leben 93 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, die über ein durchschnittliches Photovoltaik-Potenzial von 3 bis 5 Kilowattstunden (kWh) pro installiertem Kilowattpeak (kWp) am Tag verfügen. 70 Länder, die circa 20 Prozent der globalen Bevölkerung beherbergen, besitzen außerordentlich gute Rahmenbedingungen für Photovoltaik. Insbesondere aufgrund der geringen Schwankung der Sonneneinstrahlung im Jahresverlauf kann dort eine durchschnittliche Tagesleistung von über 4,5 kWh/kWp erreicht werden. Zu dieser Kategorie gehören vor allem Länder des Mittleren Ostens, Nordafrikas und der Subsahara.

Das hohe Potenzial für Solarenergie in Subsahara-Afrika steht in starkem Kontrast zu der bislang installierten Photovoltaik-Kapazität, die für alle 48 Länder der Region zusammen unter einem Prozent der weltweit installierten Leistung liegt.

Ein kurzer Vergleich: Den Angaben des Global Solar Atlas zufolge besitzt Deutschland ein praktisches Photovoltaik-Potenzial von 2,96 kWh/kWp und besetzt im internationalen Vergleich damit Platz 197. In Sambia (Platz 35) liegt das praktische Photovoltaik-Potenzial bei 4,83 kWh/kWp. Deutschland verfügte 2021 über eine installierte Photovoltaik-Kapazität von knapp 60 Gigawatt (GW), Sambia 2019 unter 100 Megawatt (MW). In Ländern wie Sambia, wo weniger als die Hälfte der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität besitzt, kann bereits ein relativ geringer Zubau helfen, den bestehenden Bedarf zu decken.

Das praktische Potenzial für Solarenergie in den Ländern der Subsahara ist auch deshalb so groß, weil die Stromgestehungskosten für Photovoltaik aufgrund von technologischem Fortschritt und sinkenden Materialkosten in den vergangenen Jahren stark gefallen sind. Nach Berechnungen des Asset Managers Lazard sind die Gestehungskosten für Solarstrom zwischen 2009 und 2021 weltweit um 90 Prozent gesunken. Wie die Internationale Energiebehörde IEA in ihrem jüngsten „Africa Energy Outlook“ vom Juni dieses Jahres schreibt, sind in den meisten Teilen Afrikas effiziente Solaranlagen bereits jetzt günstiger als neue Gas- und Kohlekraftwerke. Und dieser Trend wird sich im kommenden Jahrzehnt noch verstärken. Die IEA rechnet damit, dass die Gestehungskosten für Solarenergie in Afrika bis 2030 auf 0,018 – 0,049 US-Dollar pro Kilowattstunde (kWh) fallen und damit geringer als die für Gas und Windenergie sein werden (siehe Graphik 2).

Doch in welcher Form kann den Menschen die Solarenergie bereitgestellt werden? Schließlich ist einer der hauptsächlichen Gründe für die geringe Elektrifizierungsrate in der Region, dass viele der betroffenen Menschen auf dem Land leben und ein Ausbau des staatlichen Netzes in den meisten Fällen zu kostspielig wäre. Für die Mehrheit von ihnen lautet die Lösung: „Off-grid Solar PV“.

„Off-grid“ im Sustainable Africa Scenario der internationalen Energiebehörde (IEA)

„Off-grid“ bedeutet so viel wie „abseits des Stromnetzes“ und steht für eine Reihe von Technologien, die es erlauben, Solarenergie agil und unabhängig von der staatlichen Infrastruktur einzusetzen. Bei den „Off-grid“- Lösungen gibt es in Bezug auf ihre Kapazität eine große Spannbreite. Diese reicht von kleinen Einzelgeräten wie solarbetriebenen Lampen für den Hausgebrauch mit einer Leistung von wenigen Watt bis hin zu sogenannten „Mini-grids“, unabhängigen Inselnetzen mit einer Kapazität von bis zu 100 kWp. Moderne Mini-grids sind leistungsfähig genug, um ganze Dörfer und Gemeinden zu elektrifizieren. Zwischen den Einzelgeräten der Kategorie „Pico-Solar“ und den Mini-grids liegen die sogenannten „Solar-Home-Systems“ (SHS), Einzelsysteme für den individuellen Gebrauch, deren Leistungsfähigkeit mittlerweile bis ca. 450 Wp reicht.

Die Internationale Energiebehörde hat in ihrem letzten Afrika-Bericht ein „Sustainable Africa Scenario“ (SAS) entwickelt, das aufzeigt, was geschehen muss, damit bis 2030 alle energiebezogenen Entwicklungsziele in Afrika erreicht werden. In diesem Szenario spielt „Off-grid“- Technologie eine wichtige Rolle. Mehr als die Hälfte aller Bewohner Subsahara-Afrikas, die bislang über keinen Zugang zu erschwinglicher und nachhaltiger Energie verfügen, werden diesen dem SAS zufolge über dezentrale Systeme erhalten. Nicht alle, jedoch die überwiegende Mehrzahl dieser Systeme werden mit erneuerbaren Energien, insbesondere Solarenergie, betrieben sein.

Wichtige Hinweise
Die Kommentare werden ad hoc veröffentlicht, um Investor:innen über wichtige Entwicklungen über die Produkte der Invest in Visions GmbH zu informieren.

Dieser Artikel ist kein Prospekt, kein Angebot, keine Beratung, Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers, eines Finanzinstruments oder einer Finanzanlage. Es ist keine Bestätigung von Bedingungen eines Geschäfts. Es ersetzt keine anleger- und anlagegerechte Beratung durch eine unabhängige Anlageberatung. Finanzinstrumente bergen Chancen und Risiken, wie Kursschwankungen, Wertminderungen und vollständige Ausfälle. Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind keine verlässlichen Indikatoren für die Zukunft. Alle Inhalte wurden nach bestem Wissen und sorgfältiger Prüfung erstellt. Gleichwohl können wir Irrtümer oder Druckfehler nicht ausschließen.

Der Inhalt der Information bezieht sich daher auf den Zeitpunkt ihrer Erstellung. Politische oder wirtschaftliche Entwicklungen, Änderungen gesetzlicher Bestimmungen oder andere Umstände können zu kurzfristiger Überholung der Inhalte führen. Änderungen bleiben daher vorbehalten. Weitere Informationen (wie Verkaufsprospekt, Anlagebedingungen, Jahres- und Halbjahresberichte und wesentliche Anlegerinformationen) können Sie unter https://www.investinvisions.com/de/publikationen/publikationen.html abrufen.

Zugang zu erschwinglicher und nachhaltiger Energie – Teil 1

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Zugang zu erschwinglicher und nachhaltiger Energie – Teil 3

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Die Anfang 2016 in Kraft getretenen nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, kurz: SDGs) sind die Messlatte, an der sich alle Impact-Fonds messen lassen müssen.

Über die von uns verwalteten Mikrofinanzfonds unterstützen wir das Erreichen mehrerer SDGs. Wir kanalisieren Gelder in die Entwicklungs- und Schwellenländer und tragen dadurch zur Verringerung von Ungleichheiten bei (SDG 10.b). Die überwiegende Mehrheit unserer Kreditnehmer:innen sind Frauen. Wenn Frauen zur Steigerung des Haushaltseinkommens beitragen, stärkt dies ihre Stellung (SDG 5.a). 73 Prozent unserer Darlehen werden für produktive Zwecke vergeben (SDG 8.3).

Aber wie sieht es mit SDG 1: No Poverty aus?

Mikrofinanz wird im Text der „Agenda 2030“ explizit als Beitrag zum ersten Nachhaltigkeitsziel genannt. Können Mikrokredite Armut tatsächlich bekämpfen und verringern? Diese Frage wird seit einigen Jahren intensiv diskutiert und muss differenziert beantwortet werden. Wir möchten Ihnen im Folgenden einen kurzen Überblick über den derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Forschung geben.

Im Zuge der Mikrofinanzkrisen, die sich um das Jahr 2010 ereigneten, wurde auch die armutslindernde Wirkung von Mikrokrediten in Frage gestellt. Eine großangelegte Meta-Studie aus dem Jahr 2011 analysierte die bis dahin veröffentlichten Studien zum Zusammenhang von Mikrokrediten und Armutsbekämpfung und kam dabei zu dem Schluss, dass diese methodisch zweifelhaft seien. Sie würden keinen Beweis dafür erbringen, dass Mikrofinanz zu einer systematischen Reduzierung von Armut und gesteigerten Einkommensverhältnissen beitrage.

Mehrere Kritikpunkte an den bis dahin durchgeführten Studien waren zweifellos berechtigt. Zu viele angeblich wissenschaftliche Studien arbeiteten mit zu viel anekdotischer Evidenz und waren nicht in der Lage, Kausalität und Korrelation methodisch sauber voneinander zu unterscheiden.

Große Aufmerksamkeit wurde daher den Ergebnissen von mehreren RCTs (Randomized Controlled Trials bzw. randomisierte Kontrollstudien) geschenkt, die 2015 publiziert wurden.

Die strikt experimentell angelegten Studien fanden keine transformativen, sondern lediglich moderat positive Effekte von Mikrokrediten.

Diese Studien, die u. a. von Abhijit Banerjee und Esther Duflo – den beiden Wirtschaftsnobelpreisträgern von 2019 – durchgeführt wurden, sind ihrerseits in die Kritik geraten. RCTs gelten zwar gemeinhin als „Goldstandard“ der Wirkungsmessung, haben aber in Bezug auf Mikrofinanz mehrere Probleme. So sind die Stichproben oft zu klein, um signifikante Effekte überhaupt nachweisen zu können.

Zudem kann eine überzeugende Randomisierung nur in neuen Märkten oder bei neuen Kreditnehmer:innen in bereits erschlossenen Märkten stattfinden. Daher können auch nur Aussagen über eine Ausweitung von Mikrokrediten und bei Grenzkreditnehmer:innen getroffen werden, nicht jedoch über die allgemeinen Langzeitauswirkungen solcher Darlehen.

Um das Problem der zu geringen statistischen Aussagekraft zu lösen, haben zwei Folgestudien die Daten der RCTs auf unterschiedliche Art und Weise aggregiert.

Eine der beiden konnte einen statistisch signifikanten Impact auf Einkommen und Geschäftsgewinne der Kreditnehmer:innen nachweisen, der in den Einzelstudien verborgen geblieben war. Die andere zeigte auf, dass im Durchschnitt niedrige Effekte signifikant positive Effekte für bestimmte Untergruppen verdecken können. Eine dieser Untergruppen sind Mikrokreditnehmer:innen, die bereits über eine gewisse Geschäftserfahrung verfügen. Solchen Unternehmer:innen bescheren Mikrokredite auch einer weiteren Studie von Banerjee und Duflo zufolge eine Steigerung der Geschäftsgewinne von bis zu 35 Prozent. Die Autoren folgern daher:

For talented but low-wealth entrepreneurs, short-term access to credit can indeed facilitate escape from a poverty trap.

Als – wie immer bei wissenschaftlichen Debatten nur vorläufiges – Fazit lässt sich festhalten: Wurde in der Frühphase der Mikrofinanzbewegung die transformative Wirkung von Mikrokrediten bisweilen übertrieben, so ist auch die negative Sichtweise, die sich nach 2010 teilweise etabliert hat, mittlerweile überholt.

Deutlich positive Effekte sind insbesondere für substanzielle Untergruppen belegt.

Auch konnten in verschiedenen Studien positive gesamtwirtschaftliche Effekte von Mikrokrediten in Gestalt von gesteigerter Nachfrage und wachsendem Konsum sowie höheren Löhnen nachvollzogen werden.

In den letzten Jahren hat auch die Mikrofinanzindustrie verstärkt versucht, mit den ihr zur Verfügung stehenden Methoden auf die Diskussion über den Beitrag von Mikrofinanz zur Armutsreduzierung zu reagieren und diesen präziser darzustellen. Derzeit liegt der Fokus der Wirkungsmessung bei Mikrofinanz auf der Erhebung sogenannter „Output-Indikatoren“.

Diese treffen eine Aussage über die Reichweite der Investitionen beispielsweise über die Anzahl der erreichten Kreditnehmer:innen, den Anteil der Frauen etc. Durch die Entwicklung und Erhebung sogenannter „Outcome-Indikatoren“, der nächsten Stufe in der „Wirkungstreppe“, sollen positive Veränderungen in den Lebensumständen der Kreditnehmer:innen umfassender dargestellt werden. Hierzu gehören auch Indikatoren in Bezug auf SDG 1, wie die Veränderung des Sparguthabens der Kreditnehmer:innen oder die verbesserte Erfüllung von Grundbedürfnissen. In einer kürzlich erschienenen Publikation der französischen Non-Profit-Organisation CERISE, der Social Performance Taskforce (SPTF) und der European Microfinance Platform (e-MFP) wurden erste Vorschläge zur Entwicklung von Outcome-Indikatoren in Bezug auf SDG 1 erarbeitet. Wie in unserem Impact Report 2021 dargestellt, ist CERISE ein wichtiger Partner von Invest in Visions (IIV).

Wir verfolgen die Diskussion rund um den Beitrag von Mikrofinanz zur Armutsreduzierung genau und halten aus den zuvor erläuterten Gründen an Mikrofinanz als einem Beitrag zum Erreichen von SDG 1: No Poverty mit Überzeugung fest.

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Elisabetta Bertotti completed a master’s degree in International Development and Cooperation and has been working for MFR for 11 years. She is Senior Analyst and Regional Manager for South and Southeast Asia.

Protecting clients from abuse and over-indebtedness is essential to the success and sustainability of microfinance. For this reason, the Smart Campaign, a platform of leading microfinance providers worldwide founded in 2008, has developed principles for client protection in microfinance – the Client Protection Principles.

After Smart Campaign expired at the end of 2020, the Client Protection Principles and their implementation were transferred to the long-standing partners Social Performance Taskforce (SPTF) and CERISE. In September 2021, SPTF and CERISE launched the Client Protection Pathway, a succession initiative to improve client protection.

The independent rating agency for the Client Protection certification of microfinance institutions (the results can be found on the MFR homepage). We talked about the new pathway and the process of certification with Elisabetta Bertotti, Regional Manager for South and Southeast Asia.

Dear Mrs. Bertotti,

Could you briefly explain the difference between the Smart Campaign and the new Client Protection Pathway?

After the Smart Campaign ended its activities in 2020, CERISE and the Social Performance Task Force (SPTF) – two key stakeholders in promoting responsible and fair practices in the inclusive finance sector – became the owners of the client protection certification methodology and tools and launched the Client Protection Pathway in response to the demand of social investors and financial service providers (FSPs) to demonstrate progress and not only the “ultimate achievement” of certification. The Pathway describes the three steps that an FSP can take to improve its client protection practices and communicate this progress to investors: i) commit to implement client protection, ii) assess and improve practices, iii) demonstrate progress and achievement through the client protection certification. CERISE and SPTF are in the process of updating and finetuning the certification standards to reflect changes in the sector (certification 3.0), however certifications until September 2022 will be conducted assessing a company performance against the standards elaborated under the Smart Campaign (certification 2.0). Two main changes have been implemented already. In line with the intention to demonstrate progress, the new certification has shifted from a pass/no-pass approach to a tiered approach. The output of the new certification depends in fact on the company’s compliance with a set of entry, progress, and advanced-level indicators and overall compliance with three different levels of recognition (bronze, silver, gold). The gold level, the highest, requires full compliance with at least 95% indicators including entry, progress, and advanced-level indicators and is comparable with the previous Smart Campaign Certificate. The certification validity has also been changed to three years compared to a four-year validity with a mandatory surveillance audit after the two-year mid-point under the Smart Campaign methodology. During the certification validity, the Certificate can however be withdrawn in case of material changes.

Elisabetta Bertotti

How does the process of Client Protection Certification work? How thorough is it? Skeptics say that only policies and the existence of processes are checked, not the actual practice of lending and loan / interest collection.

The Client Protection Certification process is very thorough and involves different steps. After a desk review of the financial service provider’s policies, procedures, and other key documents, an onsite visit is organized. During the onsite visit, the certification team interviews all key head office functions including top management, heads of departments and other relevant personnel such as for example the staff in charge of collecting and analyzing client feedback or complaints. To verify how the policies, procedures and processes are implemented in practice, visits are also conducted in two branches that are selected by the certification team. During the visit, the certification team interviews all the branch staff, audit a sample of loan files, and directly observe practices with clients. Direct feedback from clients is also collected by the certification team through four focus group discussions with approximately 40 to 50 clients. Clients are selected by the certification team using the branches’ database based on a set of criteria that ensure clients are representative of the population. Clients with arrears are also invited to join the focus group discussions to investigate adherence to responsible practices in late loan management. The staff of the FSP that have a direct relationship with the interviewed clients or might be known by them cannot attend the focus group discussions to avoid bias in responses. All interviews with staff and clients are complemented by documented evidence so that the information can be triangulated and verified. While onsite visits have not been always possible due to COVID-19, the strictness of the process has been maintained following formalized ad hoc guidelines for remote certifications. For example, branches are still visited virtually via videocalls, and client feedback is still gathered through phone interviews with clients selected by the certification team.

Elisabetta Bertotti

Could you please explain a little more in detail how you conduct interviews with staff and clients to verify compliance, especially with a view to the principles regarding fair treatment of clients and prevention of over indebtedness?

Our main approach during the interviews is to systematically verify and triangulate all information with different sources to understand the level of dissemination of client protection policies and procedures and the controls in place ensure their uniform application in practice. For example, to verify adherence with the principle regarding the prevention of over indebtedness, the certification team conducts interviews with the board, management team and operations staff to understand the FSP growth strategy and targets and investigates whether an effective control and monitoring system in place to promote sustainable and quality growth. The team also carefully reviews the loan underwriting and approval process by interviewing all the staff involved in the process. The quality of the repayment capacity analysis is discussed directly with the field officers in charge of collecting client data and is supported by the review of a sample of loan files – which also allows the team to verify the credit bureau checking process when applicable as well as key aspects of transparency and privacy of client information. Interviews are also conducted with the staff in charge of verifying the compliance with credit policies as well as with internal and/or self-regulatory/regulatory provisions. The information collected by the FSP staff is also triangulated during the focus group discussions with the clients, who are for example asked about the loan applicable process and about their debt exposure and capacity to afford loan repayments. Similarly, the adherence with the principle regarding fair and respectful treatment of clients is triangulated thought interviews with different staff. For example, the certification team verifies the appropriateness of the policies and procedures in place to orientate the staff towards fair and respectful treatment of clients with the HR management and training team as well as with the operations team. The dissemination of such policies is also investigated during the interviews with the staff directly interacting with clients to understand whether they have been properly trained on the dos and don’ts, especially in case of challenging situations such as late loan management, and whether they are aware of the consequences for non-complying with the code of conduct. During the focus group discussions with clients, the certification teams also investigates whether they are aware of the behavior they should expect from the FSP staff, especially during collection, and whether they have experienced inappropriate behavior or excessive pressure.

Elisabetta Bertotti

Another important point in the Client Protection Principles is the existence of complaint mechanisms. How do you check the functioning of these mechanisms?

The certification team closely investigates the communication channels in place to raise the clients’ awareness about their right to voice a complaint and the effectiveness of the complaint mechanisms in place. This is done through a review of the complaint mechanism policy and procedures as well as of the systems in place to disseminate them and ensure their uniform application in practice (e.g. training, consideration of complaints in the staff evaluation, communication materials, internal audit). Internal reports on complaints are also checked to understand the actual use of the complaints’ channels as well of the effectiveness of the complaint’s resolution process. The functioning of the complaint mechanisms is also verified through interviews with staff at different organization levels and during the focus group discussions with clients.

Elisabetta Bertotti

How independent are you as a rating agency? Institutions seeking certification have to pay for your services. One could argue that there is an inherent interest not to scare potential clients away by being too detailed in your analysis. Could you tell us how you deal with this conflict of interests?

Over more than 20 years of activity, MFR has built a strong reputation among industry stakeholders of being an independent rating agency. Providing objective, detailed and evidence-based opinions is therefore a key objective for us to minimize reputational risk and remain a trusted and reliable player in the industry. Regarding the client protection certification, MFR has been accredited by CERISE and SPTF through a formal agreement. The agreement specifically covers impartiality and conflict of interests and states that surprise audits can be carried out by CERISE and SPTF to verify compliance with the certification process and the integrity analysis. Internal controls are also implemented by MFR as certifications are reviewed by the quality control team and finally approved by the certification committee, which is responsible for issuing the final output and results.

Elisabetta Bertotti

Mrs. Bertotti, thank you very much!

Impact Investing und SDG 7

Der weltweite Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher und nachhaltiger Energie ist eines der 17 Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) der Vereinten Nationen. Trotz substanzieller Fortschritte in den vergangenen Jahren ist es fraglich, ob dieses Ziel bis 2030 erreicht werden kann. In diesem ersten Teil unserer neuen Reihe zu „Impact Investing und SDG 7“ möchten wir Einblicke in die Bedeutung von Elektrizität für die Entwicklung von Ländern und den derzeitigen Stand der globalen Elektrifizierung geben.

Energy is the golden thread that connects economic growth, social equity, and environmental sustainability.

Ban Ki-moon

Vor fast genau zehn Jahren brachte der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die vielfältigen entwicklungsrelevanten Aspekte von Energie – verstanden hauptsächlich im Sinne des Zugangs von Haushalten zu Elektrizität – in einer Rede vor dem Center for Global Development in Washington auf den Punkt: „Energie ist der goldene Faden, der Wirtschaftswachstum, soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit miteinander verbindet“. Ban Ki-moon sprach aus eigener Erfahrung: Als kleiner Junge im Südkorea der Nachkriegszeit hatte er abends im schwachen Licht einer rußigen Öllampe für die Schule gelernt. Sein Heimatland und seine eigenen Perspektiven änderten sich, als seit den 1960er Jahren erschwingliche, moderne Energie in Südkorea Verbreitung fand. Der japanische Kolonialismus und der Koreakrieg (1950-53) hatten Südkorea in einem desolaten Zustand zurückgelassen, der dem vieler heutiger Entwicklungsländer gleicht. Erst unter der Regierung von General Park Chung Hee, der 1961 durch einen Militärputsch an die Macht gelangte, begann sich die Lage zu ändern. Verschiedene Initiativen der Regierung in Zusammenarbeit mit der staatlichen Korea Electricity Power Corporation (KEPCO) katapultierten die ländliche Elektrifizierungsrate nach 1965 in nur 15 Jahren von 12 auf 98 Prozent (Es handelte sich um den Five-year Electrification Plan (1965-69) und das Long-term Rural Electrification Project Scheme (1970-79). Siehe hierzu Terry van Gevelt, Rural Electrification and Development in South Korea, in: Energy for Sustainable Development 23 (2014), S. 179-187.).

SDG 7: Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und moderner Energie für alle sichern

Nach dem Willen der Vereinten Nationen sollen die Bevölkerungen aller Länder von den Vorteilen der Elektrizität profitieren. Daher wurde der „Zugang zu erschwinglicher und sauberer Energie“ als siebtes Ziel in die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen aufgenommen, die 2015 verabschiedet wurden und bis 2030 verwirklicht werden sollen.

7.1 Bis 2030 den allgemeinen Zugang zu bezahlbaren, verlässlichen und modernen Energieleistungen sichern

  • Indikator 7.1.1 Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu Elektrizität
  • Indikator 7.1.2 Anteil der Bevölkerung, der vorwiegend saubere Energieträger und Technologien nutzt [erhoben als Anteil der Menschen, die Zugang zu sauberen Kochmöglichkeiten haben]

7.2 Bis 2030 den Anteil erneuerbarer Energie am globalen Energiemix deutlich erhöhen

7.3 Bis 2030 die weltweite Steigerungsrate der Energieeffizienz verdoppeln

Im vergangenen Jahrzehnt konnten hier einige Fortschritte erzielt werden. Waren im Jahr 2010 noch rund 1,2 Milliarden Menschen weltweit ohne Zugang zu sauberer Energie, konnte diese Zahl bis 2020 nach Schätzungen der Weltbank auf 733 Millionen gesenkt werden. Etwas höher liegt die Schätzung der International Energy Agency (IEA), die von 757 Millionen Menschen für 2020 und – nach neuesten Daten vom April dieses Jahres – von 770 Millionen für 2020 ausgeht. Der Unterschied in den Angaben beruht auf einer unterschiedlichen Methodik in der Datenerhebung. Während die Weltbank Umfragen verwendet, stützt sich die IEA auf Daten der nationalen Verwaltungen. Auch wenn die IEA eine von fünf weiteren Kustoden für die Daten ist, wird die „offizielle“ SDG-Erhebung von der Weltbank durchgeführt. Wir folgen hier d aher den Angaben der Weltbank.

Trotz der erzielten Fortschritte sieht es nach derzeitigem Stand nicht so aus, dass das siebte UN-Nachhaltigkeitsziel bis 2030 erreicht werden kann. Wenn die aktuelle Fortschrittsgeschwindigkeit beibehalten wird, dann werden am Ende dieses Jahrzehnts wohl weiterhin rund 690 Millionen Menschen keinen Zugang zu erschwinglicher, nachhaltiger und moderner Energie haben.

Problemfall ländliches Subsahara-Afrika

Besonders stark betroffen ist – wie in vielen anderen SDG-relevanten Bereichen wie Armut, Gesundheit oder Bildung auch – Sub-Sahara Afrika. Die meisten der 20 Länder mit dem größten Elektrifizierungsdefizit liegen dort (siehe Graphik). 4 von 5 Menschen ohne Zugang zu sauberer Energie stammen aktuell aus einem der 49 Länder dieser Region. Infolge der Corona-Pandemie ist der Anteil von 74 Prozent auf 77 Prozent angestiegen.

Die meisten Menschen ohne Zugang zu Elektrizität befinden sich im ländlichen Raum. Der Grund dafür liegt in der geringen Bevölkerungsdichte, die einen Ausbau des staatlichen Stromnetzes teuer macht. Viele Regierungen scheuen die dafür notwendigen Ausgaben. Dadurch werden die Chancen der ländlichen Bevölkerung auf eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung und Bildung sowie auf eine Steigerung des Einkommens durch die Aufnahme oder die Verbesserung produktiver Tätigkeiten stark eingeschränkt. In der Landwirtschaft ist Elektrizität als Triebkraft für moderne Maschinen und Bewässerungssysteme von essenzieller Bedeutung. Andernfalls sind Haushalte von den Vorteilen einer modernen Landwirtschaft ausgeschlossen, zu denen u.a. Ertragssteigerungen und Ertragssicherheit, die intensivierte Bewirtschaftung, Produktivität und abnehmenden Arbeitskosten gehören. Durch Elektrizität wird der Mehrwert landwirtschaftlicher Erzeugnisse auch durch angemessene Lagerungsmöglichkeiten gesteigert. Auf dem Land sind aber auch viele Mikro- und Kleinunternehmer:innen (Micro, Small and Medium Enterprises, kurz MSME) auf unterschiedlichen Geschäftsfeldern wie Einzelhandel, Dienstleistungen, Bau, Verarbeitung oder Handwerk tätig. Gerade im Bauwesen, der Verarbeitung und im Handwerk ist Zugang zu zuverlässiger Elektrizität wichtig, um Maschinen mit der notwendigen Antriebskraft auszustatten. Kleine Geschäfte und Imbisse benötigen verlässliche Beleuchtung und Kühlmöglichkeiten. In beiden Bereichen – Landwirtschaft und ländlichem Gewerbe – ist Elektrizität zudem wichtig, um sich über geeignete Informations- und Kommunikationstechnologien weiterzubilden und Marktinformationen zu sammeln, um so die richtigen Geschäftsentscheidungen zu treffen und die Gewinne zu steigern.

Die Elektrifizierung der ländlichen Bevölkerung Subsahara-Afrikas: auch eine Frage der ökologischen Nachhaltigkeit

Die Elektrifizierung der ländlichen Bevölkerung in Subsahara-Afrika ist aber nicht nur wichtig für Wirtschaftswachstum und soziale Gerechtigkeit in der Region, sondern auch – wie von Ban Ki-moon dargelegt – eine Frage der ökologischen Nachhaltigkeit. Denn in Ermangelung sauberer Energiequellen ist die Bevölkerung gezwungen, auf Diesel-Generatoren zurückzugreifen, die sowohl der Gesundheit der Menschen aus auch der Umwelt schaden. Nach Berechnungen der International Finance Corporation (IFC) werden in Subsahara-Afrika aufgrund fehlenden oder unsicheren Zugangs zu Elektrizität rund 6,5 Millionen Diesel-Generatoren mit einem CO2-Gesamtausstoß in einer Größenordnung von 120 Kohlekraftwerken betrieben (6 IFC (2019), The Dirty Footprint of the Broken Grid. The Impacts of Fossil Fuel Back-up Generators in Developing Countries; 2. United Nations (2019), World Population Prospects 2019.)

Das Potenzial für Solarenergie in Subsahara-Afrika – Teil 2

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Zugang zu erschwinglicher und nachhaltiger Energie – Teil 3

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MSME, d.h. Mikrounternehmen und SMEs (small and medium-sized enterprises) zusammen, machen in Volkswirtschaften den Großteil aller Unternehmen aus. Die Förderung beider Unternehmensarten ist von allergrößter Bedeutung, wenn es in den nächsten Jahren darum gehen wird, mehrere hundert Millionen Arbeitsplätze im Globalen Süden zu schaffen. Aber welche Unterschiede gibt es zwischen den beiden? Und welche Wirkung erzeugt jeweils ihre Finanzierung?
Der Anteil von MSME an der Gesamtzahl der Unternehmen eines Landes ist beträchtlich. Oft liegt er sogar bei 99 Prozent und darüber. 85-95 Prozent beträgt dabei normalerweise der Anteil von Mikrounternehmen, der von SME liegt durchschnittlich bei rund 10 Prozent. Als Mikrounternehmen gelten Unternehmen mit bis zu 9 Mitarbeiter:innen. SMEs unterscheiden sich von Mikrounternehmen dabei sowohl durch ihre größere Mitarbeiterzahl (10 bis 100 bzw. 250 je nach regionaler Definition) als auch durch ihren deutlich größeren Umsatz.
Aufgrund des großen Potentials von MSME für das wirtschaftliche Wachstum und die Beschäftigungslage in den Entwicklungs- und Schwellenländern steht ihre Förderung seit der Finanzkrise 2008 weit oben auf der Agenda öffentlicher Institutionen wie der Weltbank und ihrer privatwirtschaftlich ausgerichteten Schwesterorganisation, der International Finance Corporation (IFC).
Invest in Visions ist seit der Auflage des IIV Mikrofinanzfonds 2011 im Bereich der Förderung von Mikrounternehmen tätig. Vor kurzem hat das Unternehmen den „IIV Sustainable SME Debt Fund EM – Finance for Future“ aufgelegt, mit dem nun auch gezielt kleine und mittlere Unternehmen in den Emerging Markets finanziert werden sollen. Worin bestehen die Gemeinsamkeiten bei der Förderung von Mikrounternehmen und SME? Wo liegen die Unterschiede?

Beide Gruppen benötigen Finanzierung

Eine große Gemeinsamkeit gibt es: Beide Kategorien haben einen sehr eingeschränkten Zugang zum Kapitalmarkt und benötigen dringend Finanzierung. Das Finanzierungsdefizit für Mikrounternehmen beläuft sich einer Studie der IFC aus dem Jahr 2017 zufolge auf 714 Mrd. US-Dollar bzw. auf 81 Prozent des insgesamt benötigten Kapitals, das für SME auf 4,5 Billionen US-Dollar, was 56 Prozent des gesamten Finanzierungsbedarfs für kleine und mittlere Unternehmen in den Entwicklungs- und Schwellenländern entspricht.
Um die Tragweite dieser Diagnose einschätzen zu können: Die MSME-Finanzierungslücke beträgt in den Emerging Markets durchschnittlich 19 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In Europa gibt es zwar ebenfalls eine Finanzierungslücke für MSME. Doch belief sich diese 2019 auf lediglich 400 Mrd. Euro bzw. 3 Prozent der kumulierten Wirtschaftsleistung. In den USA waren es sogar nur 2 Prozent.¹

Schaffung von Arbeitsplätzen: Soziale vs. ökonomische Logik

Neben der Gemeinsamkeit eines enormen, ungedeckten Finanzierungsbedarfs, der durch die Corona-Pandemie noch beträchtlich erhöht wurde, gibt es eine ganze Reihe von Unterschieden. Der erste besteht darin, dass von Mikrofinanzinstituten vergebene Kleinstdarlehen nicht immer unternehmerischen Zwecken dienen. Etwa ein Viertel der Kredite wird von den Kreditnehmer:innen für andere wichtige Zwecke verwendet, wie beispielsweise die Schulbildung der Kinder, die Instandsetzung des Wohnraums oder notwendige soziale Ausgaben wie Beerdigungen.² Darlehen an SME hingegen dienen ausschließlich unternehmerischen Zwecken.
Die Verwendung der Darlehen ist selbst dann unterschiedlich, wenn man den Anteil der nicht für unternehmerische Zwecke vergebenen Kredite ausklammert. Mikrounternehmen verwenden die Darlehen nämlich vor allem als Betriebsmittel für die Ausstattung des Unternehmens mit Geräten und Maschinen oder den Erwerb von Rohstoffen. Beispiele für diese Verwendungsart von Mikrokrediten finden Sie in unseren Kundengeschichten. Darlehen an SME wiederum dienen meist der Fortentwicklung und Expansion des Unternehmens.
Beide Unternehmensformen erfüllen eine wichtige Rolle bei der Schaffung von Arbeitsplätzen im globalen Süden. Auch hier gibt es aber signifikante Unterschiede: Mikrounternehmen werden oft gegründet, weil der Arbeitsmarkt keine ausreichenden Beschäftigungsmöglichkeiten bereithält. Indem sie unternehmerisch tätig werden, schaffen sich die Mikrounternehmer:innen gewissermaßen ihren eigenen Arbeitsplatz. Zudem steht bei der Auswahl der Mitarbeiter:innen nicht deren Ausbildung und möglicher Beitrag zur Produktivität des Unternehmens im Vordergrund. Diese folgt eher einer sozialen als einer ökonomischen Logik. Man beschäftigt vor allem Familienmitglieder, gegebenenfalls auch Freunde und Mitglieder der Gemeinschaft, um diesen ein Auskommen zu verschaffen. Zusätzliche Arbeitsplätze für den Arbeitsmarkt, deren Besetzung auf Produktivität angelegt ist und die gesamtwirtschaftliche Entwicklung von Ländern – sprich: Wirtschaftswachstum – unterstützt, werden vor allem von SME geschaffen. Diese verlangen von ihren Mitarbeiter:innen auch einen höheren Ausbildungsgrad als Mikrounternehmen.³

Vom Mikrounternehmen zum SME?

Mikrounternehmen und SME gehören also unterschiedlichen ökonomischen Sphären an. Dass sich Mikrounternehmen über die Jahre und durch eine schrittweise Steigerung der Kreditsummen hin zu SME entwickeln, kommt zwar durchaus vor, ist aber nicht sehr häufig. In einer Studie aus dem Jahr 2018, in der fünf Länder untersucht wurden, bewegte sich der Anteil zwischen 3 und 12 Prozent.4 Das liegt in einigen Fällen sicher daran, dass die Wachstumsfinanzierung ausbleibt. Aber auch andere Faktoren haben Gewicht, wie beispielsweise das Geschäftsmodell vieler Mikrounternehmen sowie der relativ geringe Ausbildungsgrad der Gründer:innen, die meist nicht über das notwendige finanztechnische und unternehmerische Wissen verfügen, um ein Unternehmen auf eine höhere Stufe zu heben.

Eine unterschiedliche Wirkung: Armut bekämpfen und Wirtschaftswachstum fördern

Zusammengefasst kann man sagen: Mikrofinanz und SME-Finanzierung sind keine alternativen oder sogar konkurrierenden Wege, um die ökonomische Entwicklung in den Emerging Markets zu fördern. Sie sind für unterschiedliche Menschen da und fördern unterschiedliche Dinge. Mit Mikrofinanz wird vor allem Armut bekämpft und einkommensschwachen Menschen mit geringem Bildungsgrad Hilfe zur Selbsthilfe geboten. SME-Finanzierung wiederum dient der Schaffung produktiver Arbeitsplätze und der Förderung von Wirtschaftswachstum in den betreffenden Ländern. Beides ist gleich wichtig und verdient in gleichem Maße unsere Unterstützung.

1 IFC (2017), MSME Financing Gap, S. 35; für Europa siehe: European SMEs: Filling the Bank Financing Gap (=The View 09 April 2019, Allianz & Euler Hermes Economic Research).
2 Siehe den IIV Impact Report 2020, S. 25.
3 Jonathan Bauchet / Jonathan Murdoch, Is Micro too Small? Microcredit vs. SME Finance, in: World Development 2012.
4 Dino Merotto et al., Pathways to better Jobs in IDA Countries, Worldbank: Washington DC 2018, S. 32.
SMEs (Small and medium-sized enterprises) können eine wichtige Rolle bei der Schaffung von Arbeitsplätzen und Wirtschaftswachstum im globalen Süden spielen. Doch bleibt ihnen – wie im vorausgegangenen SME-Blog dargestellt – der Zugang zu Kapital, mit dem sie sich entwickeln könnten, oft verschlossen. Um die Lage zu verbessern, müssen mehr Finanzierungsmöglichkeiten geschaffen werden, die auf den Bedarf von SMEs zugeschnitten sind.
In den nächsten 10 bis 15 Jahren muss in den Entwicklungs- und Schwellenländern eine ungeheure Anzahl von Arbeitsplätzen geschaffen werden, um der schnell wachsenden Bevölkerung dieser Länder ein Auskommen zu sichern. In einem Bericht der International Finance Corporation (IFC) zur Finanzierungslücke für MSME (Micro, Small and Medium Enterprises) aus dem Jahr 2017 ist von 600 Millionen Jobs die Rede, die bis 2030 geschaffen werden müssten, und zwar allein um das bestehende Beschäftigungsniveau aufrecht zu erhalten.¹
Waren die Herausforderungen bereits vor COVID-19 enorm, so sind sie im Zuge der Corona-Pandemie noch einmal signifikant gestiegen. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO schätzt, dass im vergangenen Jahr weltweit insgesamt 8,8 Prozent aller Arbeitsstunden (zusammen mit dem entsprechenden Einkommen) verloren gegangen sind, was der Arbeitszeit von 255 Millionen Arbeitnehmer:innen in Vollzeit entspricht. Die eine Hälfte der Arbeitsstunden ging durch Kurzarbeit verloren, die andere durch den vollständigen Verlust des Arbeitsplatzes. 114 Millionen Arbeitsplätze fielen der Pandemie zum Opfer, wie die ILO in einem kürzlich veröffentlichten „Flagship Report“ ausführt. Geographisch hat es die „Lower-middle income countries“, d.h. die Länder mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von ca. 1.000 bis 4.000 US-Dollar jährlich, am stärksten getroffen.
Quelle: ILO Monitor: COVID-19 and the World of Work (Januar 2021).²
Kleine und mittlere Unternehmen leisten in den Emerging Markets bereits jetzt einen wichtigen Beitrag zur Lösung des drängenden Beschäftigungsproblems. Ihr Beitrag könnte aber noch weit größer sein – vorausgesetzt, dass es gelingt, die Finanzierungslücke von ca. 4,5 Billionen US-Dollar zu schließen, die der IFC diagnostiziert hat.
Wie in unserem letzten SME-Blog beschrieben, hat die Finanzierungslücke vor allem zwei Ursachen: Zum einen ist der Finanzbedarf von SMEs für klassische Mikrofinanzinstitute (MFIs) zu groß und für konventionelle Banken zu gering. Spezialisierte SME-Banken, die diese Lücke füllen könnten, gibt es in den Emerging Markets nicht. Was es jedoch zunehmend gibt, sind MFIs, die durch den Aufbau eines zusätzlichen Darlehensportfolios für SMEs „up-scalen“ sowie Banken, die auf die umgekehrte Weise „down-scalen“. Hier bietet sich ein guter Ansatzpunkt. Denn diese Finanzinstitute können mit Darlehen versorgt werden, die wiederum für die Weitervergabe an SMEs reserviert sind – ein ähnliches Refinanzierungsmodell wie bei einem Mikrofinanzfonds.
Mit der Refinanzierung solcher Finanzinstitute kann zugleich auch das zweite Problem gelöst werden, das der Finanzierungslücke zugrunde liegt: die Einschätzung bzw. Mitigation des Risikos. Denn solche Finanzinstitute verfügen über angepasste Scoring- und Ratingmodelle, die das Kreditausfallrisiko von SMEs auch ohne die von konventionellen Banken geforderten, meist aber nicht vorhandenen testierten Jahresabschlüsse und externen Ratings angemessen einschätzen können. Das Fehlen solcher Elemente wird beispielsweise dadurch kompensiert, dass neben dem Geschäfts- und Marktrisiko sowie vorhandenen (ungeprüften) Finanzberichten auch die Stabilität der Lebensverhältnisse der Darlehensnehmer:innen eingehend geprüft wird. Für den Investor in einen SME-Fonds, der solche Finanzinstitute refinanziert, ist ohnehin nicht das Risiko auf der Unternehmensebene ausschlaggebend. Entscheidend ist die Bonität der unterstützten Finanzinstitute. Und diese verfügen wiederum über geprüfte Jahresabschlüsse und sehr oft auch externe Ratings, die das Risiko für das Portfoliomanagement des Fonds gut kalkulierbar machen. Im Falle von Banken sind diese darüber hinaus reguliert und unterliegen einer staatlichen Aufsicht.
Das Vorgehen, mit dem man SMEs mit mehr Kapital versorgen und damit einen wichtigen Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen im globalen Süden leisten kann, ist dem eines Mikrofinanzfonds ähnlich. Auch das Risikoprofil eines solchen SME-Fonds unterscheidet sich nicht grundsätzlich, wobei die Laufzeit der Darlehen länger ist, Worin sich die beiden Fondsarten aber vor allem unterscheiden, ist die Wirkungsebene der Investitionen.
1 IFC (2017), MSME Finance Gap. Assessment of the Shortfalls and Opportunities in Financing Micro, Small and Medium Enterprises in Emerging Markets, World Bank Group: Washington D.C., S. VII. Die Zahl stammt ursprünglich aus: World Bank (2012), Word Development Report 2013: Jobs, S. 6. Andere Berechnungen liegen etwas darunter. Siehe z.B. Merotto, Dino/Weber, Michael/Aterido, Reyes (2018), Pathways to Better Jobs in IDA Countries: Findings from Jobs Diagnostics. World Bank: Washington, DC., S. 5f. In jedem Fall geht es aber um mehrere hundert Millionen Arbeitsplätze.
2 International Labour Organization (ILO), World Employment and Social Outlook. Trends 2021, Geneva: ILO, 2021.
In unserem ersten Blog zum Thema SME (Small and Medium Enterprises) haben wir uns damit beschäftigt, was eigentlich SME sind und welchen Beitrag sie zur Wertschöpfung und zur Schaffung von Arbeitsplätzen in einer Volkswirtschaft leisten. Ist ihr Potential in den Emerging Markets damit schon ausgeschöpft? Nein. Denn viele SME sind in ihrem Wachstum eingeschränkt, weil sie keinen ausreichenden Zugang zu Kapital haben. Woran das liegt, erfahren Sie in dieser Ausgabe.
SME sind Motoren für Wirtschaftswachstum und Beschäftigung. Mit einem Anteil von circa 10 Prozent an der Gesamtzahl aller Unternehmen sind SME zwar ein relativ schmales Segment in der Unternehmenslandschaft. Doch schaffen sie in den Entwicklungs- und Schwellenländern bereits jetzt zwischen 20 und 50 Prozent der privatwirtschaftlichen Arbeitsplätze. Und sie könnten noch mehr leisten – vorausgesetzt, sie erhalten einen besseren Zugang zum Kapitalmarkt.
Gerade Unternehmen im mittleren Segment zwischen Kleinst- und großen Unternehmen haben es in Schwellen- und Entwicklungsländern schwer, an Finanzmittel zu kommen. Die International Finance Corporation (IFC) hat die Finanzierungslücke für SME in den Emerging Markets in einer Studie aus dem Jahr 2017 auf rund 4,5 Billionen (also 4.500 Milliarden) US-Dollar geschätzt, was einem Anteil von 56 Prozent am benötigten Gesamtinvestitionsvolumen von 8,1 Billionen US-Dollar entspricht.¹
Derselben Studie zufolge haben 44 Prozent der circa 21 Millionen formellen SME in den Emerging Markets überhaupt keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zum Kapitalmarkt. Würde man die informellen Unternehmen dazuzählen, fiele die Zahl noch weit höher aus.²
Darüber hinaus dürfte die Lücke und der Finanzierungsbedarf seit 2017 noch um Einiges angewachsen sein. Denn die Werte stammen aus der Zeit vor der COVID-19-Pandemie. Verschiedene Studien haben mittlerweile darauf hingewiesen, dass kleine Unternehmen (mit weniger als 100 Mitarbeiter:innen) stärker von der Krise betroffen sind als große Unternehmen.³

Aber weshalb haben es SME in den Emerging Markets eigentlich so schwer, an Darlehen zu kommen?

Zum einen liegt es an ihrem spezifischen Finanzierungsbedarf. Dieser ist bei kleinen und mittelständischen Unternehmen nämlich für Mikrofinanzinstitute zu groß, für kommerzielle Banken ist er zu klein. SME fallen gewissermaßen in der Mitte hindurch, weshalb sie auch als „Missing Middle“ bezeichnet werden. Zum anderen spielt die Informationsasymmetrie zwischen dem SME als Darlehensnehmer und einer Bank als Darlehensgeber eine wichtige Rolle. Denn kleine und mittlere Unternehmen in den Emerging Markets können meist nicht die von konventionellen Banken üblicherweise geforderte Dokumentation wie z.B. testierte Jahresabschlüsse vorweisen. Den konventionellen Banken wiederum fehlen die geeigneten Instrumente, mit denen sie das Risiko angemessen einschätzen könnten. Daher können sie nicht zwischen den riskanten SME und solchen unterscheiden, die es nicht sind – mit der Folge, dass kleine und mittlere Unternehmen generell als risikoreiches Segment eingestuft werden.[3] Theoretisch könnte die Bank das höhere (angenommene) Risiko mit einem höheren Darlehenszins kompensieren. Doch würde dies vor allem dazu führen, dass sich die meisten SME das Darlehen dann nicht mehr leisten können bzw. dass gerade solche Kreditnehmer:innen angezogen werden, die riskantere Projekte verfolgen.4

Finding ways to finance medium-scale enterprises is the next big challenge for finance in developing countries.

A. Banerjee / E. Duflo, Poor Economics, S. 181

Angesichts solcher Schwierigkeiten haben Abhijit Banerjee und Esther Duflo die Finanzierung von SME in den Emerging Markets als „nächste große Herausforderung“ nach der erfolgreichen Etablierung von Mikrofinanz bezeichnet.5 Die beiden Entwicklungsökonomen vom prestigereichen MIT in Boston, die für ihre innovativen Studien zur Armutsbekämpfung 2019 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurden, haben zudem nachgewiesen, dass Darlehen an SME deren Gewinn signifikant steigern und in den Emerging Markets für Wirtschaftswachstum sorgen können. In einer Studie aus dem Jahr 2014 konnten sie zeigen, dass indische SME, die aufgrund einer Ausweitung des Priority Sector Lending in den Jahren 1998 bis 2000 über staatlich verordnete Quoten an Bankdarlehen kamen, ihren Gewinn mithilfe der Kredite um bis zu 9 Prozent steigerten.6
Ähnliches hat ein Experiment zur Mesofinanzierung in Äthiopien unter Beweis gestellt: Im Rahmen des Women Entrepreneur Development Project erhielten ausgewählte Mikrofinanzinstitute durch die Weltbank Darlehen, die sie als individuelle Kredite an von Frauen geführte, wachstumsorientierte Unternehmen weiterreichten. Die Darlehen beliefen sich auf durchschnittlich 12.000 USD (äthiopische Frauen-Gruppen erhalten gewöhnlich Mikrokredite in einer Höhe von 1.000-1.500 USD). Eine dazu durchgeführte Studie konnte signifikante und positive Auswirkungen für die Wachstumschancen der Unternehmen und die Anzahl der Angestellten belegen.7

Die Finanzierung von SME kann also die Entwicklung von kleinen und mittleren Unternehmen – und damit auch das Wirtschaftswachstum ganzer Länder im globalen Süden – positiv beeinflussen. Damit stellt sich die Frage: Wie und durch welche Finanzinstitute kann trotz der genannten Schwierigkeiten mehr Finanzierung für SME in den Emerging Markets mit einem angemessenen Risiko bereitgestellt werden?

1 IFC (2017), MSME Finance Gap. Assessment of the Shortfalls and Opportunities in Financing Micro, Small and Medium Enterprises in Emerging Markets, World Bank Group: Washington D.C., S. 28.
2 Ebenda, S. 26.
3 Naoyuki Yoshino und Farhad Taghizadeh-Hesary (2018), A Comprehensive Method for the Credit Risk Assessment of Small and Medium-Sized Enterprises Based on Asian Data, ADBI Working Paper Nr. 907.
4 Siehe T. H. L. Beck (2007), Financing Constraints of SMEs in Developing Countries: Evidence, Determinants and Solutions.
5 Abhijit V. Banerjee / Esther Duflo, Poor Economics. Barefoot Hedge-fund Managers, DIY Doctors and the Surprising Truth about Life on Less than 1$1 a Day, Penguin: London 2012.
6 Dies. (2014), Do Firms Want to Borrow More? Testing Credit Constraints Using a Direct Lending Program, in: Review of Economic Studies 81, S. 572-607.
7 Salman Alibhai et al., Better Loans or Better Borrowers? Impact of Meso-Credit on Female-Owned Enterprises in Ethiopia, Washington DC 2018.

600 Millionen neue Jobs müssen bis 2030 in den Entwicklungsländern geschaffen werden, um einer schnell wachsenden Bevölkerung ein Auskommen zu sichern. Wie soll das gelingen? Unter anderem dadurch, dass man kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) fördert, die wiederum für Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze sorgen. Was man unter KMU versteht, welchen ökonomischen Stellenwert sie haben und wie es um die Finanzierung solcher Unternehmen in den Emerging Markets bestellt ist.

Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) werden oft als das „Rückgrat der Wirtschaft“ bezeichnet, in Bezug auf die westliche Welt ebenso wie im Hinblick auf die Länder des „globalen Südens“.

Aber was genau ist eigentlich ein KMU bzw. SME (Small and Medium-sized Enterprise)? Die am Besten verfügbare und gebräuchlichste Kennzahl zur Kategorisierung von Unternehmen ist die Anzahl der Mitarbeiter. Manchmal wird auch der Jahresumsatz herangezogen, seltener die von kleinen und mittelständischen Unternehmen benötigte Darlehensmenge. Die einschlägigen Schwellenwerte werden von Land zu Land unterschiedlich festgelegt. Das ist durchaus sinnvoll, da es große Unterschiede hinsichtlich des wirtschaftlichen Entwicklungsstands der Länder, der Marktintegration etc. gibt.

In der Europäischen Union werden Unternehmen mit 10 bis 249 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von bis zu 50 Millionen Euro zu den KMU gezählt. Für die Weltbank und ihre privatwirtschaftliche Schwestergesellschaft, die International Finance Corporation (IFC), gehören Unternehmen bis zu 300 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von maximal 15 Millionen US-Dollar dazu. In vielen Entwicklungsländern wird die Obergrenze für mittelständische Unternehmen hingegen oft (wenn auch nicht immer) bereits bei 99 Mitarbeitern gezogen. Relativ stabil ist die Abgrenzung „nach unten“, d.h. zu den Mikrounternehmen, für die in den meisten Ländern bis zu 9 Mitarbeiter veranschlagt werden, selbst wenn es auch hier Abweichungen gibt.¹

Geht man nach der reinen Anzahl, sind KMU ein relativ schmales Segment in der Unternehmenslandschaft der meisten Ökonomien. Um die 10 Prozent machen KMU in den meisten Ländern aus, oft auch weniger, selten hingegen mehr. Das gilt für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union ebenso wie für die Emerging Markets. Die allermeisten Unternehmen, d.h. ca. 90 Prozent, sind – hier wie dort – Mikrounternehmen. Große Unternehmen wiederum machen nur in wenigen Fällen mehr als ein halbes Prozent aus.

In Deutschland beispielsweise haben 10,8 Prozent der Unternehmen zwischen 10 und 250 Mitarbeiter und gehören damit zur Gruppe der KMU, während 88,7 Prozent Mikrounternehmen und 0,5 Prozent große Unternehmen sind. In Frankreich sind nur knapp 5 Prozent der Unternehmen KMU. Hier ist das Mikro-Segment mit 95 Prozent größer, während große Unternehmen sogar nur 0,14 Prozent ausmachen.

In den Emerging Markets ergibt sich ein ähnliches Bild: In Ecuador und Bosnien-Herzegowina sind 9 Prozent der Unternehmen KMU, in Kolumbien 6,7 Prozent und in Bangladesh 11 Prozent.

In den meisten Ländern stellen sie trotz ihrer relativ geringen Anzahl rund ein Drittel der Arbeitsplätze und des von Unternehmen geschaffenen Mehrwerts. Dies ist beispielsweise in Bangladesh, Costa Rica oder Guatemala der Fall. In Deutschland sind es 44 Prozent der Arbeitsplätze und 39 Prozent des privatwirtschaftlichen Mehrwerts. Auf diese Werte kommen die meisten Schwellen- und Entwicklungsländer nicht, abgesehen von Bosnien, wo 43 Prozent der Arbeitsplätze und sogar 44 Prozent des Mehrwerts auf das Konto von KMUs geht.

KMU sind also, das kann man auf der Grundlage dieser Daten sagen, Job- und Wachstumsmotoren. Ist ihr Potential mit den genannten Werten bereits ausgeschöpft oder können sie noch mehr zu Beschäftigung und Wohlstand beitragen? Und wie stark sind KMU von der Covid-19-Krise betroffen?